

Europa, 8. Mai 1945. Mit der bedingungslosen Kapitulation Nazi-Deutschlands findet der Zweite Weltkrieg, der sechs Jahre zuvor von Deutschland entfesselt wurde, in Europa ein Ende. Im Pazifik geht das Sterben und Töten jedoch unvermindert weiter. Erst am 2. September 1945 wird das japanische Kaiserreich nach dem Abwurf der verheerenden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki ebenfalls kapitulieren. 2010 jährten sich diese Schlaglichter der Weltgeschichte zum 65. Mal. Seit jenen Tagen sind ganze Generationen von diesen Ereignissen direkt oder indirekt beeinflusst und geprägt worden. Die Veteranen, die auf den Schlachtfeldern der Welt kämpften und litten. Die Überlebenden des Holocaust und anderer im Krieg begangener Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Täter, die viel zu oft nicht zur Rechenschaft gezogen wurden und sich in eine Nische in der Nachkriegsgesellschaft suchten. Die ungezählten Menschen, die durch den Krieg Angehörige, ihr Hab und Gut oder gar ihre Heimat verloren. Aber auch die nachgeborenen Generationen sind durch die Geschehnisse der Jahre 1939-1945 und den damit verbundenen politischen und gesellschaftlichen Implikationen der Folgejahre gezeichnet worden. Michael Geyer hat dies mit dem „Fortleben der Toten“ beschrieben, die in Form von institutionalisierten Gedenkritualen fortleben und die tief im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaften verankert sind. [1] Und nun, am Beginn des 21. Jahrhunderts, ist ein Scheitelpunkt erreicht. Die Welt befindet sich in einem in den letzten Zügen liegenden Generationenwechsel von erlebter hin zu ausschließlich erinnerter Geschichte. Mit anderen Worten: Die Zeitzeugen werden immer weniger und in dem Maße, wie Zeitzeugenberichte abnehmen werden, wird die massenmediale und – im Fall des Spielfilms – fiktionalisierte Vermittlung des Zweiten Weltkrieges an Bedeutung zunehmen.
Deswegen sind Produktionen wie „Band of Brothers“ oder „The Pacific“ niemals nur rein unterhaltender Natur, sondern sind essentieller Bestandteil der Erinnerungskultur. Edgar Wolfrums These das Film und Fernsehen mittlerweile die Grundversorgung der Gesellschaft mit Geschichtsbildern übernommen hätten, ist somit beizupflichten, auch wenn diese massenmediale Form des Umgangs mit Vergangenheit nur ein – obgleich wichtiger – Global Player im engmaschigen Geflecht Geschichtsbilder konstruierenden Institutionen darstellt. [2] Dabei verraten uns Spielfilme und/oder Fernsehserien weniger etwas über die Vergangenheit, als über die aktuelle Sicht auf die Geschichte. Um mit Siegfried Kracauer zu sprechen: Filme sind stets Spiegel einer bestehenden Gesellschaft, in dem sich psychologische Dispositionen kollektiver und individueller Mentalitäten abbilden. [3] Im Fall des Genres Kriegsfilms kommt jenes Phänomen hinzu, dass Gerhard Paul als dialektisches Verhältnis zwischen Krieg und Film bezeichnet hat: „Keine anderen Ereignisse haben den Film [...]so sehr geprägt wie die großen Kriege des 20. Jahrhunderts, und kein Medium hat den Krieg in der Wahrnehmung und Erinnerung des 20. Jahrhunderts so sehr geformt wie der Film.“ [4] Dieses Verhältnis ist in den letzten Jahrzehnten natürlich einer Entwicklung unterworfen gewesen, die stets auch von dem abhängig war, was sich das Kino zu zeigen erlauben konnte. Für gewöhnlich wird Steven Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ als Auftakt einer neuen Körperlichkeit in der Kriegsdarstellung begriffen. Die in der Filmrezeption herausragend rezipierten ersten 25 Minuten, in denen Spielberg die alliierte Landung am Omaha Beach inszeniert, haben in ihrer visuellen Drastik sicherlich Bilder geschaffen, die dazu geeignet scheinen, in der gesellschaftlichen Vorstellung dieses Ereignisses als Ikonen zu fungieren.
Die ausgehend von „Der Soldat James Ryan“ entstandene Miniserie „Band of Brothers“, die von Steven Spielberg und Tom Hanks produziert wurde, führte diese Entwicklung weiter – jedoch unter gänzlich anderen qualitativen Gesichtspunkten. Wo sich der Kinofilm offensichtlich den gängigen dramaturgischen Wegepunkten anpasste und letztlich nicht mehr als Kitsch und Pathos bot, erwies sich die HBO-Serie als herausragendes Beispiel fiktiver Geschichtsvermittlung, das sich in Inszenierung und Charakterisierung der Protagonisten (bis auf wenige Ausnahmen) als überaus reflektiert präsentierte. Dies begann bereits mit dem für die Serie produzierten Intro, das auf äußerst geschickte Art und Weise die Grenzen zwischen Historie und Fiktion verschmolz. Letztlich ist dies stets grundlegendes Charakteristikum von Filmen oder Serien, die – wie im Fall von „Band of Brothers“ oder eben „The Pacific“ – auf (schriftlichen) Erzählungen von Zeitzeugen basieren. Sie sind ihrer subjektiven Perspektive freilich niemals objektiv, sondern bieten einen isoliert-persönlichen Blick auf vergangene Ereignisse. Deswegen ist es umso wichtiger, dass derartige Produktionen aus dieser Tatsache keinen Hehl machen, sondern dies für den Rezipienten klar kennzeichnen. Bei „Band of Brothers“ gelang dies den Machern immer wieder auf luzide und künstlerisch hochwertige Art und Weise, im Fall von „The Pacific“ beginnt dies bereits mit dem erneut herausragenden Intro. Das stilistisch in Sepiatönen gehalten und durch das Element der Kohleportraits gebrochene Intro symbolisiert nicht weniger, als die konstruierte (in diesem Fall „gemalte“) Natur der Geschichtsschreibung, die ja letztendlich niemals mehr als eine standortgebundene Erzählung ist.
Wiederum aufgeteilt in zehn Episoden, ist dieser Standort in „The Pacific“ unverkennbar von Clint Eastwoods jüngsten Meilensteinen im Kriegsfilmgenre determiniert. Mit „Flags of our Fathers“ und „Letters from Iwo Jima“ desavouierte Eastwood nicht nur den amerikanischen Mythos des Glorious War in dem er eines der bekanntesten Kriegssymbole der Vereinigten Staaten dekonstruierte, sondern nahm sich in „Letters“ noch dazu der Perspektive der unterlegenen Japaner an. So vermag es nicht zu verwundern, dass auch in „The Pacific“ das duchkalkulierte propagandistische Spiel mit emporgehobenen Kriegshelden thematisiert wird, die dazu benutzt wurden, die für die Kriegsführung eminent wichtigen Kriegsanleihen zu beschaffen. Ebenso konsequent ist es, dass Spielberg und Hanks die Schlacht um Iwo Jima mehr oder weniger außen vor lassen, da es zu diesem Thema nach den beiden Eastwood-Filmen ohnehin nicht mehr viel hinzuzufügen gegeben hätte. Stattdessen gefällt „The Pacific“ darin, sich anderen, unbekannteren Geschehnissen des Pazifikkrieges zuzuwenden. So entfällt ein Großteil der Serie auf die Schlacht von Peleliu, die drei Folgen eingeräumt bekommt. Guadalcanal, Cape Cloucester und schlussendlich Okinawa sind die weiteren Auseinandersetzungen, die innerhalb der Serie angesprochen werden. Die restlichen Episoden und das ist der große Unterschied zu „Band of Brothers“, widmen sich den Geschehnissen an der Heimatfront, zu der die Serie immer wieder zurückkehrt, einem kurzen Zwischenspiel in Melbourne sowie der abschließenden Episode, die sich der unmittelbaren Nachkriegszeit annimmt.
Dabei folgt „The Pacific“ den Schicksalen von drei Marines, deren Geschichten und Biographien, als Vorlage zur Serie fungieren. Dabei erweisen sich insbesondere die Handlungsstränge um Eugene Sledge (Joseph Mazzello) und Robert Leckie (James Badge Dale) als überzeugend ausgearbeitet, während dies für die Handlung um den mit der Medal of Honor ausgezeichneten John Basilone (John Seda) nur eingeschränkt gilt. Überhaupt erweist sich die Entscheidung die Handlung der Serie auf drei Schultern zu verteilen als zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite gelingt „The Pacific“ so natürlich eine breitere Perspektive einnehmen zu können, auf der anderen Seite jedoch muss dies unweigerlich zu Sprüngen führen, die die Handlung brechen. Wirklich zu kritisieren ist jedoch das Feindbild, das in „The Pacific“ gezeichnet wird. Leider ist dies – und das ist ja die große Stärke von Eastwoods Zwillingsfilmen über den Pazifikkrieg – nicht vorhanden, bzw. beschränkt sich auf die gängigen Stereotypen. Anders als bei „Band of Brothers“, in dem die Handlung vorrangig einer bestimmten Gruppe folgte, hätte man sich bei einer Serie, die mit „The Pacific“ überschrieben ist, ein wenig mehr Differenzierung gewünscht. Nicht zuletzt deshalb, weil sich mit den Vereinigten Staaten von Amerika und dem japanischen Kaiserreich zwei Parteien gegenüberstanden, die über völlig andere Mentalitäten verfügten. Letztlich bleibt dies aber der einzige größere Kritikpunkt einer Serie, die ansonsten ihrem Anspruch auf reflektionierte Unterhaltung gerecht wird.
Pathos und Gloria findet sich nämlich auch in „The Pacific“ an kaum einer Stelle wieder. Ähnlich wie bei seinem großen Bruder, ist auch in diesem Fall das einzige wirklich pathetische an der Serie die musikalische Untermalung des Vorspanns. Abseits dessen nähert sich die Serie den Soldaten zwar mit großem Respekt, scheut aber nicht davor zurück, den Krieg als das zu zeigen was er war: Nämlich ein einziger großer Wahnsinn, der nicht nur zahllose Leben gefordert, sondern selbst die Überlebenden nachhaltig gezeichnet hat. Es sind überaus harte Bilder, mit denen die Serie den Zuschauer immer wieder konfrontiert. Dabei setzt sich fort, was sich seit einigen Jahren innerhalb des amerikanischen Kriegskinos andeutet. Die Darstellung amerikanischer Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg ist nicht länger ein Tabu, sondern wird unmissverständlich thematisiert. Damit erteilen Spielberg und Hanks als ausführende Produzenten der Glorifizierung des Krieges eine noch deutlichere Absage als in „Band of Brothers“ bereits geschehen. Wenn sich die Marines nach tagelangen Kämpfen zwischen Leichenbergen ausruhen und sich die Zeit mit apathischer Mine damit vertreiben, kleine Steine in den offen liegenden Schädel eines gefallenen japanischen Soldaten, indem sich Regenwasser und Gehirnmasse stauen, zu werfen, ist für Pathos endgültig kein Platz mehr. „The Pacific“ setzt den Männern, die im Pazifik kämpften und starben keinesfalls ein pathetisch aufgeladenes Denkmal, sondern erzählt viel mehr eine Geschichte über den Wahnsinn, den sich Menschen anzutun bereit sind. Insgesamt mag „The Pacific“ seinem Bruder was die Narration angeht leicht unterlegen sein, was die inhaltliche Reflektion angeht, gelingt es der Serie allerdings noch einmal deutlich an Qualität zuzulegen. Darstellerisch und inszenatorisch spielt „The Pacific“, wie die meisten HBO-Produktionen, ohnehin auf höchstem Niveau. – Fazit: 9 von 10 Punkten.
Zur Ausstattung: Wie auch im Fall von „Band of Brothers“ werden die einzelnen Episoden mit einer kurzen Einführung versehen, die die durch Zeitzeugeninterviews ergänzt werden. In Verbindung mit dem umfangreichen Bonusmaterial, das in der DVD-Veröffentlichung auf einer separaten DVD zu finden, erweist sich die Tinbox zur Serie als überaus gelungene Veröffentlichung, die der Qualität der Serie gerecht wird.
[1] Geyer. Michael: Vorm Fortleben der Toten. Überlegungen zu einer Geschichte der Kriegstoten. In: Davis, Belinda, Londenberger, Thomas und Wildt, Michael (Hrsg.): Alltag, Erfahrung, Eigensinn. Historisch-anthropologische Erkundungen. Frankfurt a. M. 2008, S. 425-441.
[2] Wolfrum, Edgar: Neue Erinnerungskultur. Die Massenmedialisierung des 17. Juni 1953. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (41/2003), S. 33–39. hier: S. 36.
[3] Kracauer, Siegfried: Das Ornament der Masse. Frankfurt a. M. 1963, S. 279, und Kracauer, Siegfrid: Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Studie des deutschen Films. Frankfurt a. M. 1979, S. 12.
[4] Paul, Gerhard: Krieg und Film im 20. Jahrhundert. Historische Skizze und methodologische Überlegungen. In: Chiari, Bernd, Rogg, Matthias und Schmidt, Wolfgang: Krieg und Militär im Film des 20. Jahrhunderts. München 2003, S. 3-79, hier: S. 13.








