

Mit dem ersten Film gleich zu höchsten Weihen gekommen, vom eigenen Erfolg berauscht, von der Bühne des Kodak Theatre den begehrten Goldjungen in die Höhe gestemmt, in der Heimat gefeiert: Florian Graf Henckel von Donnersmarck. 2007 sorgte sein Stasi-Drama„Das Leben der Anderen“ für Furore. Von der Mehrheit als Meisterwerk gefeiert, von Wenigen verrissen, haben Film und Regisseur ohne Zweifel polarisiert. Dies hat sich der seit seinem Debütfilm von Hollywood umgarnte von Donnersmarck jedoch ein Stück weit auch selbst zuzuschreiben. Seine oftmals abgehobenen und teils auch arrogant wirkenden Interviews in diversen großen Tageszeitungen boten die ideale Angriffsfläche für Spott und Häme, die sich – so viel war bereits im Vorfeld sicher – über den ehrgeizigen Regisseur ergießen würden, sollte sein zweiter Film bei Kritik und Publikum durchfallen. Nach langem Zaudern und Überlegen entschied sich Donnersmarck schließlich für starbesetztes Blockbusterkino, um seinen zweiten Film zu inszenieren. Johnny Depp und Angelina Jolie, zwei der gefragtesten Schauspieler der Gegenwart, sollten als Zugpferde fungieren, um den Regisseur Florian Graf Henckel von Donnersmarck vor der traumhaften Kulisse Venedigs auf die zweite Karrierestufe zu heben. Das Drehbuch der Wahl: Ein von diversen Drehbuchautoren (darunter auch Donnersmarck) zigmal umgeschriebenes Hollywood-Remake des französischen Films „Anthony Zimmer“ aus dem Jahr 2005.
Auf seiner Reise durch Europa trifft der Mathematikleher Frank (Johnny Depp) im Zug von Paris nach Venedig unvermittelt auf die schöne Elise (Angelina Jolie). Diese setzt sich zu dem etwas fahrig und unbeholfen wirkenden Amerikaner und wickelt ihn nach allen Regeln der Kunst um den Finger. In Venedig angekommen, bietet ihm die geheimnisvolle Schöne an, sie in ihr Hotel zu begleiten. Die Luxussuite bezieht der verdutzte Frank mit großen Augen, noch größer seine Augen als sich Elise als Fanks Ehegattin ausgibt. Es folgt ein romantisches Abendessen im Kerzenschein von Venedig, ein Frank betörender Kuss auf dem Balkon der Suite und dann – so ein Pech – eine einsame Nacht auf der immerhin überaus weichen Couch. Am nächsten Morgen ist Elise verschwunden, dafür taucht ein Killerkommando auf, dass es auf den armen Mathelehrer abgesehen hat. Zwar gelingt Frank die Flucht, doch mittlerweile dämmert auch ihm, dass er in eine Geschichte hereingeraten ist, die er weder kontrollieren noch durchschauen kann. Dabei ist der Kinobesucher – wie so oft – schlauer als Frank. Denn was er nicht weiß, wir aber schon: Ein gewisser Alexander Pearce hat Elise damit beauftragt, in den Zug nach Venedig zu steigen und dort eine Person ausfindig zu machen, die ihm in Aussehen und Statur ähnelt, damit dieser für Pearce gehalten wird.
Wenn „The Tourist“ nicht in dem Maß begeistern kann, wie man sich das vielleicht im Vorfeld erhofft hat, liegt das nicht zuletzt an der derzeitigen Einfallslosigkeit von Hollywood selbst. Angesichts der amerikanischen Masche fremdsprachige Filme in schöner Regelmäßigkeit mit großer Starbesetzung für den heimischen Mark neu aufzulegen, vermag es nicht Wunder zu nehmen, dass sich da auch immer wieder das sprichwörtliche Mittelmaß wiederfinden lassen wird. Letztlich ist nämlich bereits das französische Original „Anthony Zimmer“ eine laue Nummer, die bis auf Sophie Marceau nichts sonderlich Aufregendes zu bieten hatte. Florian Henckel von Donnersmarck ist nun damit gescheitert, dem ohnehin nicht sonderlich gelungenen Drehbuch des Originals neue Facetten abzugewinnen, die aber nötig gewesen wären, um der ganzen Nummer einen etwas gelungeneren Anstrich zu verpassen. So bleibt das Verwirrspiel, das in „The Tourist“ erzählt wird, über weite Stecken bemüht und in seiner inneren Logik noch viel weniger konsistent. Allerdings kann wohl auch davon ausgegangen werden, dass sich Donnersmarck auch keine sonderlich große Mühe gegeben hat, diesbezüglich Abhilfe zu schaffen. So bleibt „The Tourist“ eine routiniert erzählte Thriller-Komödie, die gerne so wäre wie „Über den Dächern von Nizza“; in diesem Versuch allerdings relativ schnell von den Dächern von Venedig purzelt.
Dass es von Donnersmarck in „The Tourist“ vor allem um die Inszenierung und weniger um die Geschichte gegangen ist, ist dann auch allzu offensichtlich. Dessen Bestreben, das Hollywood vergangener Jahrzehnte wieder aufleben lassen, resultiert dann allerdings eher in der Abbildung der donnersmarckschen Vorstellung dieses Filmstils, als in einer Referenz an die alten Meister wie etwa Alfred Hitchcock. Gleichwohl gehört die ausgelebte Sehnsucht des deutschen Regisseurs nach diesem nach heutigen Maßstäben etwas antiquiert wirkenden Inszenierungsstil noch zu den gelungenen Aspekten des Films. Charme, Eleganz und Leichtigkeit versucht Donnersmarck in seinen Bilder an allen Ecken und Ende zu versprühen: Die Lippen rot, die Kleidung elegant, die Bewegungen lasziv, Venedig strahlend in der Sonne, die musikalische Untermalung mit Bombast. Sogar geraucht wird, wenn auch ganz korrekt mit elektrischer Zigarette. Doch Optik allein, selbst wenn sie dem Betrachter mit aller Wucht vor Augen gehalten wird, macht aus einer kleinen Nummer noch lange keine große Oper. Dazu braucht es Darsteller, die miteinander harmonieren, ihre Rollen nicht nur spielen, sondern ausstrahlen. Die Kinogeschichte ist voll von diesen Paaren, so wie Humphrey Bogart und Ingrid Bergman oder Cary Crant und Grace Kelly. Johnny Depp und Angelina Jolie sind allerdings keines dieser Paare für die Geschichtsbücher Hollywoods.
Während sich Angelina Jolie in ihrer Rolle um die Präsenz bemüht, die unter dem roten Lippenstift ertränkt wird, ist die größte Enttäuschung des Films wohl Johnny Depp. Dieser bietet letztlich nicht mehr, als den oftmals reichlich verwirrt dreinschauender Naivling ohne echte Ausstrahlung. Dass Depp mehr kann, hat er oft genug bewiesen. In „The Tourist“ bleibt er seine Klasse allerdings schuldig. So bleibt der finale Kuss zwischen beiden Darstellern nicht mehr als eine laue Nummer zwischen der Lösung des Rätsels und dem finalen Abspann. Letztlich ist „The Tourist“ bei all den angesprochenen Kritikpunkten jedoch beileibe kein Totalausfall, die sich summierenden Schwächen sind jedoch evident. Folglich hat sich Florian Graf Henckel von Donnersmarck mit diesem Remake am Ende keinen großen Gefallen getan. Sein zweiter Film ist letztlich sein sehr beliebiger Film. Dabei ist „The Tourist“ durchaus unterhaltsam, hat den einen oder anderen gelungenen Moment zu bieten, doch letztendlich wird ihm das Schicksal all jener Filme bestimmt sein, die größer sein wollten, als sie wirklich sind. Noch in fünfzig Jahren wird man sich ansehen und daran erinnern, wie Cary Grant über die Dächer Nizzas klettert. Johnny Depps Ausflug über die Dächer Venedigs wird dies nicht vergönnt sein. – Fazit: 5 von 10 Punkten.





