Louis van Gaal ist Geschichte. Es war eine Ära, die keine war. Zerschellt am Unwillen des Holländers, sich den familiären Strukturen des Clubs an der Säbener Straße anzupassen. Sein Verhältnis zu Uli Hoeneß seit Monaten belastet, stolperte der Fußballlehrer letztendlich über eigene Fehler. Thomas Kraft wird am nächsten Spieltag seinen Platz im Tor vermutlich wieder an Jörg Butt verlieren. Wenn nun das Unentschieden gegen Nürnberg sowie die Niederlage gegen die Aufsteiger der Saison aus Hannover zuvorderst an Kraft festgemacht werden, so ist dies jedoch nur die halbe Wahrheit. Es war Louis von Gaal, der den Schlussmann befördert und nun fürs erste demontiert hat. Einen unerfahrenen Mann in einer der schwierigsten Rückrunden der Vereinsgeschichte zum Fels in der Brandung einer nicht den Ansprüchen genügenden Hintermannschaft gemacht zu haben, hat sich als der befürchtete taktische Fehler herausgestellt. Die „Ich bin Ich“-Attitüde van Gaals hat sich insbesondere in diesem Punkt als der berühmt berüchtigte Schuss erwiesen, der nach hinten losging. Zumal dessen Entscheidung gegen den Willen der Chefetage getroffen wurde.
Jedoch ist es verfehlt nun den Stab in dem Maß über den Holländer zu brechen, wie es – vermutlich aus Panik resultierend – geschieht. Louis van Gaal hat mit Thomas Müller und Holger Badstuber zwei Talente hervorgebracht, die mittlerweile zum Stamm der Nationalelf gehören. Insbesondere der Auftritt des jungen Müllers bei der Weltmeisterschaft in Südafrika spricht in dieser Hinsicht Bände und gibt van Gaal durchaus recht. Dazu hat er mit seiner Vorstellung von Fußball dafür gesorgt, dass die Spielweise der Bayern in der letzten Saison auch von jenen gelobt wurde, die es – was den FC Bayern angeht – ansonsten mit Campino halten. Dass die Sympathie, die dem Verein in der letzten Saison noch entgegengebracht wurde, bereits wieder Geschichte ist, hat auch viel mit den eigenen „Fans“ zu tun. Die Attacken auf Manuel Neuer, von denen die „Koan Neuer“-Plakate noch die harmlosen Aktionen in einer ganzen Reihe unwürdiger Verhaltensweisen waren, gipfelten im Heimspiel gegen Gladbach in wütende Attacken gegen Uli Hoeneß. Was sich da einige im Stadion gegen den Mann erlaubten, der zweifelsohne polarisiert, gleichzeitig jedoch wie kein zweiter für den FC Bayern München steht, war schlicht und ergreifend erbärmlich. Gegen einen Mann, der nicht nur die Finessen der Abteilung Attacke beherrscht, sondern eben auch ein großes Herz hat, wie sich immer wieder zeigt.
Bei all den Verdiensten des selbsterklärten Feierbiestes ist jedoch auch in der letzten Saison vieles vom Erfolg übertüncht worden – wie das nun einmal so ist. Dass van Gaal bereits in der Hinrunde 2010 vor dem Abschuss stand und erst eine Sternstunde in Turin den Ball so richtig ins Rollen brachte, wird schnell und gerne übersehen. Erst gegen Ende der Saison, als die Spieler sich am eigenen Erfolg berauschten und es folglich lief, waren Spiele wie das 7:0 gegen Hannover 96 oder die beiden darauf folgenden Spiele gegen Olympique Lyon (1:0, 3:0) im Halbfinale der Champions League möglich. Davor aber war viel Glück mit unmöglichen Toren von Arjen Robben oder Ivica Olic nötig, um in wenig souveränen Spielen zu bestehen. Dass die Abwehr schon in der letzten Saison wenig sattelfest war, zeigte sich dann insbesondere im Endspiel gegen Mailand. Und wieder war es van Gaal, der in dieser Saison stabilisierende Spieler wie van Bommel verjagte, Neuverpflichtungen in der Defensive ablehnte und die Innenverteidigung bis zum Erbrechen umwürfelte, bis am Ende kein Spieler mehr wusste, wo er eigentlich spielen soll. Das Resultat dieser Taktik ist das Verspielen von Siegen, die man eigentlich schon in der Hand gehabt hat. Und damit Punkte die fehlen, soll das rettende Ufer, der dritte Platz, noch erreicht werden. Auf diesem sonnen sich gerade die Hannoveraner, die nach dem verhinderten Abstieg in der letzten Saison nun unter Mirko Slomka zu neuer Blüte erstrahlen.
Es sind wohl insbesondere diese zwei Spiele, die zwar nicht ganz, aber zumindest knapp ein Jahr auseinander liegen, die den Zerfall einer bist dato überzeugenden Spielkultur zeigen. Zwar ist auch das Hannover des letzten Jahres nicht mit dem Hannover diesen Jahres zu vergleichen, doch offenbarte sich bei dem überlegen-dominant herausgespielten 3:1-Sieg der Hannoveraner gegen die Bayern eine Münchner Hilflosigkeit, die man noch vor einem Jahr beim 7:0 der Bayern niemals für möglich gehalten hätte. Ohne ihren Topstürmer Ya Konan spielte Hannover die Münchner Kicker schwindelig, die froh sein konnten, am Ende nicht mit 4:1 oder 5:1 verloren zu haben – was das Spiel jederzeit hergegeben hätte. Schon nach diesem Spieltag stand van Gaal vor der Entlassung. Während sich Hannover in der Folge auch von Rückschlägen nicht aufhalten ließ, fünf Spieltage vor Ende der Spielzeit wieder auf dem dritten Platz steht und gute Chancen hat, diesen zu verteidigen, herrscht in München Panik. Um es auf den Punkt zu bringen: Hannover scheint zurzeit eher in der Lage, die Auswärtsspiele gegen Hamburg und Freiburg zu gewinnen, als die Bayern ihre Heimspiele gegen Leverkusen und Schalke. Hannover ist also im Vorteil, was Interimstrainer Andries Jonker in München auf jeden Fall wieder ändern will. Ob es dieses Unterfangen Erfolg haben kann, ist mehr als fraglich. Möglich ist vielmehr, dass am Ende der Saison Hannover auf dem dritten Platz steht und sich der Wahnsinn in der Leinestadt noch potenziert. Vielleicht bekommt im Fall der Fälle ja auch Louis van Gaal eine Einladung nach Hannover: Ein Feierbiest kann in dieser Situation schließlich jeder gebrauchen. Ich allerdings nicht. Ich hab dann am 14. Mai mein eigenes Feiermäuschen neben mir auf dem Sofa sitzen, das irgendwas von einer alten Liebe und 96 trällert. Prost Mahlzeit!:)
Der Kolumnist C.H.: Als Bayern-Fan in Hannover viele Jahre unbehelligt, erfreut er sich nun der intensiven Zuneigung der ihn umgebenden Hannover-Fans; was insbesondere für die bezaubernde Liebhaberin der „Roten“ (wie 96 hier genannt wird) an seiner Seite gilt.





